Nachruf für Roger Pickering

Mit großer Trauer haben wir die Nachricht erhalten, dass unser Freund Roger Pickering am 1. Oktober im hohen Alter verstorben ist. Roger war einer der Hauptprotagonisten in unserer seit über 50 Jahren bestehenden Freundschaft zu dem englischen Woodcraft Folk. In Gedenken an diesen beeindruckenden Menschen soll hier noch einmal ein Auszug aus Christians Geschichte, die den Beginn dieser Freundschaft beschreibt, abgedruckt werden:

„Umspann die Welt mit Freundschaft. Unter diesem Motto stand das internationale Falkenlager 1965 in Reinwarzhofen in Mittelfranken. Der Falkenvorstand bot mir die Gelegenheit mit meiner Gruppe als Vertreter der Oberhausener Falken teilnehmen zu können. Es war damals eine große Auszeichnung für gute Gruppenarbeit. Hier trafen sich, gerade mal 20 Jahre nach dem 2. Weltkrieg, ca. 3500 junge Menschen aus 19 Nationen zu einem gemeinsamen Sommerlager.

Für viele Eltern aus den Nachbarländern war es sicher nicht ganz leicht ihre Kinder in ein Land reisen zu lassen, in dem noch die Eltern der deutschen Teilnehmer als aktive Soldaten am Krieg teilnahmen und viel Leid verbreiteten.

Die Teilnehmer des Camps verteilten sich in 35 „Dörfer“ mit jeweils zehn Zelten, die mit je zehn Jugendlichen aus drei Nationen belegt waren. Unser „Dorf“ bestand aus vier Zelten mit Oberhausener und Essener Falken sowie drei mit Engländern und drei mit Finnen. Für die Verantwortlichen war es sicher eine logistische Herausforderung so ein Lager zu organisieren.

Die Zelte waren damals bei weitem nicht so komfortabel wie die Heutigen. Der Boden der kaum imprägnierten Zelte wurde mit Abfallbrettern aus dem nahe gelegenen Sägewerk ausgelegt. Die Bauern der Umgebung lieferten uns Stroh, das wir über den Brettern in unseren Zelten verteilten. Darauf kamen dann die von uns mitgebrachten Decken. Isomatten oder Luftmatratzen waren uns völlig unbekannt.

Dieses Lager war für mich ein Erlebnis, das ich mein Leben lang nicht vergessen werde. Dieses Lager war auch der Beginn einer bis heute anhaltenden Freundschaft mit Roger. Roger leitete die Gruppe des englischen Woodcraft Folks in unserem „Dorf“. Schon im Lager freundeten wir uns an und vereinbarten, dass wir weiterhin in Kontakt bleiben wollten.

Nach mehreren Briefwechseln setzte ich mich im Frühjahr 1966 auf meinen Heinkel-Tourist Motorroller und begab mich auf die Reise zu Roger. Mir war damals nicht bewusst, wie groß Großbritannien ist. Was mag in den Köpfen meiner Eltern vorgegangen sein als ich mich, mit wenig Geld, auf eine Fahrt ins Unbekannte begab.

Durch die mit Orangefahnen geschmückten Niederlande (Prinzessin Beatrix heiratete an diesem Tag ihren Prinz Claus von Amsberg) begab ich mich am 10. März zur Fähre nach Hock van Holland, um dann am nächsten Morgen in England anzukommen. Nach einer ca. 6-stündigen Rollerfahrt stand ich in Lougthon/ Essex unangemeldet vor der Haustür meines Freundes Roger. In Motoradkluft, den Helm unterm Arm und kein Wort englisch sprechend läutete ich an der Tür. Es öffnete mir eine total verschnupfte ca. 160 cm große Dame und sah zu mir, knapp 190 cm, fragend hoch. Es war Rogers Mutter. „Ich Christian von Alemania (?), ist Roger hier?“ Ich konnte gar nicht verstehen, dass sie mich nicht verstand. „Roger, Roger“, wiederholte ich noch ein paar Mal. Nachdem wir uns einige Minuten gegenüber standen, ging sie, noch einiges von mir nicht Verstandenes sagend, ins Haus und schloss die Tür. Kurz darauf kam sie zurück und bat mich ans Telefon. Sie hatte Roger angerufen, der damals schon ein relativ gutes Deutsch sprach. Er sagte mir dann, dass ich so gegen 17 Uhr wiederkommen sollte.

Pünktlich, wie ich es gewohnt bin, stand ich zur angegebenen Zeit wieder vor der Tür. Roger war noch nicht zu Haue. Seine kleine-kranke Mutter ließ mich rein und bat mich, mich hinzusetzen. Wir wussten beide nichts mit uns an zu fangen. Sie ging in die Küche und kam kurze Zeit später mit einer Tasse Tee, den ich an diesem Tag kennen und lieben lernte, zurück und wir saßen uns schweigend gegenüber. Obwohl ich kein Wort verstand, strahlte sie eine große Herzlichkeit aus. Nach einiger Zeit kam Roger und auch sein Vater, der von mir nichts wusste, nach Hause. Meinem Wunsch, mich in einer Pension unterzubringen, lehnten alle drei gleichzeitig ab. Es wurde gleich das Gästezimmer hergerichtet. Dieses war der Beginn einer bis heute anhaltenden Freundschaft.“

Es folgten etliche weitere Zeltlager und Begegnungen. Wir wünschen uns, dass diese Freundschaft noch lange weiterlebt.

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